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Von Stärken und Schwächen:

Warum eine pauschale Einteilung in gut und schlecht, schwarz und weiß zu kurz greift

Erst kürzlich kam wieder eine junge Dame zu mir ins Coaching zur beruflichen Orientierung. Nach Auftragsklärung und einigen einleitenden Fragen kamen wir schnell zum Aspekt der vorhandenen Talente und Erfolge. Nach einigen Äußerungen zu Dingen, die sie ihrer Ansicht nach gut kann und die sie als ihre Stärken betrachtet, wand sie ein, dass ihre Schwächen wesentlich ausgeprägter seien. Auf meine Nachfrage hin sprudelte es nur aus ihr heraus, was sie einfach nicht gut oder zumindest ihrer Einschätzung nach nicht gut genug könne.

Diesen Aspekt, dass vermeintliche eigene Schwächen oft betont werden bei gleichzeitiger Vernachlässigung vermeintlicher Stärken, beobachte ich häufig im systemischen Coaching. Und es lohnt sich, sich diese vermeintlichen Stärken und insbesondere benannte Schwächen einmal genauer anzusehen.

Einwurf: Wenn Sie gerade etwas Zeit haben und sich mit dem Thema der eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen wollen, nehmen Sie einen Stift und ein Blatt Papier. Überlegen Sie, welche eigenen Aspekte Ihnen spontan einfallen, wenn ich Sie nach Ihrer Einschätzung zu den eigenen Stärken und Schwächen frage. Notieren Sie diese.

Wechseln Sie einmal die Perspektive

Zunächst einmal gilt es, die benannten Stärken, also die Dinge, von denen ein Mensch sagt, dass er sie gut könne, zu würdigen. Wie aber oben beschrieben überwiegen in der eigenen Wahrnehmung oft die vermeintlichen Schwächen. Diese werden von uns per se negativ gesehen, es sind scheinbar Dinge, die wir nicht so gut können. Und sich diese vermeintlichen Schwächen einmal aus einer anderen Perspektive anzusehen, kann neue Erkenntnisse und Einsichten fördern.

Beobachten, nicht bewerten

So, wie die berühmte Medaille zwei Seiten hat, so haben auch die beschriebenen Schwächen eine andere, zweite Seite (und dies gilt ebenso für die benannten Stärken). Uns ist wichtig – und das kann für eine*n Klient*in durchaus mit großer Anstrengung verbunden sein – eine vermeintliche Schwäche nicht negativ, sondern erst einmal wertneutral zu beschreiben. Wir beobachten, dass etwas in unserer Wahrnehmung so ist, wie es ist und verzichten zunächst auf eine Bewertung.

Einwurf: Versuchen Sie es einmal. Suchen Sie sich eines der Dinge heraus, die Sie unter Ihren Schwächen aufgeschrieben haben. Schließen Sie die Augen. Es kann helfen, sich irgendeine andere Person vorzustellen, die Sie vielleicht zufällig auf der Straße treffen. Diese Person hat vielleicht die Eigenschaft, die Sie bei sich als Schwäche definiert haben. Versuchen Sie, diese Person mit ihrer Eigenschaft einfach zu beobachten und dann in Gedanken zu beschreiben. Versuchen Sie, auf bewertende Formulierungen wie gut, schlecht, toll, bewundernswert, ungeschickt, nachteilig etc. zu verzichten und nur neutral beobachtend zu beschreiben. Notieren Sie Ihre Beobachtung in Stichworten oder kurzen Sätzen.

Die positiven Aspekte vermeintlich negativer Eigenschaften

Aus dieser zunächst neutralen Perspektive leiten wir nun die Auswirkungen einer Eigenschaft ab. Die negativen Auswirkungen sind uns vertraut, wir sehen die Eigenschaft ja als Schwäche. Aber versuchen wir doch auch einmal, die positiven Auswirkungen – die m. E. zweifelsfrei vorhanden sind – zu identifizieren. Benennt jemand z. B. mangelndes Durchsetzungsvermögen als Eigenschaft, fallen ihm*ihr vielleicht spontane negative Auswirkungen wie „in Verhandlungen bin ich schlecht“, „ich bekomme selten, was ich will“ oder „ich mache dann meist, was andere wollen“ ein. Auf der anderen Seite können aber in dieser Eigenschaft auch eine Menge anderer Kompetenzen drinstecken wie z. B. integrativ in Gruppen wirken zu können, anpassungsfähig zu sein oder rücksichtsvoll mit den Bedürfnissen anderer umgehen zu können.

Auf diese Weise hat jede noch so negativ empfundene Eigenschaft auch positive Seiten. Reagiert jemand z. B. schnell aufbrausend oder zickig, können darin positive Aspekte wie Wehrhaftigkeit, Schutz der eigenen Person oder auch Achtsamkeit für sich selbst enthalten sein. Empfindet ein Mensch seine Arbeitsweise als unstrukturiert, ist er möglicherwiese spontaner und flexibler als andere. Diese Aufzählung ließe sich nun beliebig fortsetzen.

Einwurf: Betrachten Sie Ihre notierten vermeintlichen Schwächen, gerne mit einem von sich selbst distanzierten Bild wie oben beschrieben. Versuchen Sie nun die positiven Begleiterscheinungen zu identifizieren und zu formulieren. Vielleicht gelingt es Ihnen auf diesem Weg, Ihre persönlich empfundenen Schwächen besser anzunehmen oder gar wertzuschätzen.

Alles also positiv?

Zur Klarstellung: Dass Sie nun Ihre vermeintlichen Schwächen nicht als absolute Stärken empfinden, ist nachvollziehbar und richtig. Es geht auch nicht darum, als hinderlich empfundene Eigenschaften umzudeuten und zu idealisieren. Die Welt ist aber nicht nur schwarz oder weiß, sie hält viele Zwischentöne für uns bereit. Und so haben Eigenschaften oder Verhaltensweisen nicht nur negative Auswirkungen, sondern auch positive Begleiterscheinungen. Diese zumindest wahrzunehmen kann ein echter Gewinn sein.

Bezieht man diese Darstellung nun auch auf seine Stärken, erkennen wir darin nun auch negativ bewertete Aspekte. Diese zu erkennen ist meines Erachtens ebenfalls wichtig, allein um wahrnehmen zu können, wie vermeintliche Stärken vielleicht von anderen Menschen auch gesehen werden könnten.

Seien Sie wertschätzend und freundlich zu sich, Sie haben es verdient

Vor einigen Wochen habe ich einen Beitrag zur positiven Absicht veröffentlicht. Gemeinsam mit dem nun hierbeschriebenen Ansatz kann es gelingen, zu einem positiveren und wertschätzenden Selbstbild zu gelangen. Schätzen Sie dies an sich selbst und gehen Sie wertschätzend und freundlich mit sich selbst um. Dies kann viele schwierige Dinge, die Ihnen vielleicht nicht liegen, erleichtern und Sie können dies differenzierter einordnen.

Sollten Sie den praktischen Versuch der Einwürfe unternommen haben und nicht erfolgreich gewesen sein, schreiben Sie mir gerne. Vielleicht gibt es ja doch Aspekte, die Ihnen bislang verborgen geblieben sind.

Köln, 31.07.2021

Martin Binzen, Systemischer Personal und Business Coach (ECA)

Kontakt:
martin.binzen@coachingwerk-koeln.de