+49 (0) 223 792 947 46 info@coachingwerk-koeln.de

Interview mit Welttorhüter Jean-Marie Pfaff – ein Traum und der Weg zum Ziel

Claudia und Dirk Hamm sprechen im Namen des Coachingwerks mit Torwartlegende Jean-Marie Pfaff über die Verwirklichung seines Traumes. Seit den 80er Jahren zählt Jean-Marie Pfaff zu den weltweit erfolgreichsten und bekanntesten Torhütern.

Viele Menschen kommen mit dem Anliegen zu uns ins Coaching, ihren Traum zu verwirklichen oder eine Vision zu entwickeln und umzusetzen. Dabei handelt es sich um berufliche, private oder auch sportliche Ziele. Ziele zu erreichen, ist nicht einfach. Oft stehen wir uns dabei selbst im Weg. Jean-Marie, Du hast es geschafft, die Nr. 1 zu werden und auch sehr lange zu bleiben. Wie fing alles an und was hat Dich motiviert?

Ich bin als Kind in einer Familie mit zwölf Kindern in Beveren in Belgien groß geworden – sechs Jungs und sechs Mädels. Meine Brüder waren alle Fußballer und wir haben Straßenfußball gegen Mannschaften aus vier Stadtvierteln gespielt. Dabei mussten wir aufpassen, dass keine Autos vorbeikamen. Meine großen Vorbilder waren der erste Torwart von Beveren, mein Bruder und mein Vater – sie haben mich inspiriert und ich hatte sehr großen Respekt vor ihnen. Ich war sehr ehrgeizig. Schon auf der Straße wollte ich immer der Beste sein. Wenn wir verloren hatten, war ich nicht auf die anderen böse, sondern auf mich selbst. Ich war überzeugt, als Torwart musst Du immer nach vorne schauen – ganz nach dem Motto „weiter machen, immer weiter machen“. Meine Freunde spielten auch eine große Rolle. Sie haben mich stets motiviert, mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Du bist ein guter Torwart!

 
Wie gestaltete sich dein Weg vom Amateur zum Profi-Fußballer?

Als Amateur ging ich arbeiten bis Mittag, 14:00 Uhr. Anschließend habe ich im Sportgeschäft meiner Frau bis 18:00 Uhr mitgearbeitet. Um 19:00 Uhr begann dann das Training als Torwart bei Beveren und dauerte bis 21:00 Uhr. Die Beleuchtung auf dem Trainingsplatz war damals katastrophal. Da habe ich umgerechnet 70 Euro pro Monat verdient, zusätzlich 100 Euro für ein Unentschieden und 200 Euro für einen Sieg. Ich musste mir die Torwarthandschuhe und die Fußballschuhe selbst kaufen. Es gab zur damaligen Zeit vielleicht zwei bis drei Vereine/Mannschaften, die Profifußballer hatten. Fußball war mein Hobby, nicht mein Beruf. Der Traum vom Profi kam erst, als der FC Bayern auf mich zukam. Das war 1982 und ich war 29 Jahre alt.

Inwiefern war Geld ein Motivator für Dich?

Geld war nie ein Motivator für mich. Ich war zufrieden mit dem, was ich hatte. Ich war glücklich mit guten Spielen und zufriedenen Fans. Wichtig war mir, dass niemand zu meiner Frau oder den Kindern sagen konnte „Dein Papa ist ein Fliegenfänger“.

Was waren die größten Herausforderungen in Deinem Leben?

Als Kind war es schon nicht einfach. Mein Vater starb 1965 mit 51 Jahren nach zwei Jahren Krankenhausaufenthalt. Da war ich gerade zwölf Jahre alt. Wir wohnten noch mit neun Kindern daheim. Plötzlich konnte ich meinen Vater nicht mehr um Rat fragen und musste alles selbst entscheiden. Also habe ich mir gesagt: „Jetzt erst recht! Du musst Dich durchsetzen und Dir Deinen Platz erkämpfen.“ In dieser Zeit habe ich gemerkt: Wenn man Unterstützung braucht, bekommt man sie nicht. Wenn man sie nicht braucht, bekommt man sie umsonst. Viele Menschen haben mir später gesagt, dass sie wussten, dass ich so weit kommen würde, aber sie waren zur damaligen Zeit nicht ehrlich zu mir. Das hatte mich sehr enttäuscht.

Im Fußball hatte ich keine richtigen Freunde, nur Kollegen. Es gab Machtkämpfe. Wenn man in eine Mannschaft mit drei Torhütern kam, stand man Seilschaften gegenüber. Wenn man dann einen Fehler machte, wurde dieser absichtlich verbreitet, um den anderen Torhütern zu helfen. Trotz Enttäuschungen habe ich mich nie unterkriegen lassen. Das war und ist eine meiner Stärken und gleichzeitig zu meinem Lebensmotto geworden:

„Weiter machen, immer weiter machen!“

Schauen wir zurück auf Deinen Einstand beim FC Bayern im Jahr 1982. Beim Saisonauftakt gegen Werder Bremen kam es zum legendären Einwurftor. Nach einem Einwurf des Bremer Spielers Uwe Reinders hatte das Tor nur deshalb gezählt, weil Du den Ball kurz zuvor touchiert hattest. Ein schlechterer Einstand war kaum vorstellbar.

Das war ein Unfall, kein Fehler. Ich hatte zuvor mehrere Einwürfe von Uwe Reinders in der Luft gefangen. Als ich zum Ball ging, kam Klaus Augenthaler mit seinem rechten Ellenbogen gegen meinen linken Ellenbogen. Dadurch bekam ich einen Schlag und streifte den Ball nur noch. Ohne diesen Schlag hätte ich den Ball gefangen, aber das interessierte nicht mehr. Plötzlich war die Hölle los. Kommentare wie „Du bist hier nicht mehr in Belgien!“ und „Du wirst nächste Woche nicht spielen.“ donnerten auf mich ein. Belgische Zeitungen schrieben, dass ich nach drei Monaten wieder zurück in Belgien sein würde. Viele haben hinter meinem Rücken schon die Messer gewetzt. Das Tor wurde zum Tor des Monats gekürt. Das war hart. Ich war so stolz auf den Transfer zum FC Bayern gewesen und dann gleich dieser Unfall. Alle Neider hatten ihren Spaß. Schließlich hatte ich so eine Ikone wie Sepp Meier ersetzt und viele andere Torhüter waren an meiner Stelle im Gespräch gewesen. Und dann so etwas … Das hatte mir alles sehr zugesetzt. Und wie schon gesagt: Wenn Du Unterstützung brauchst, bekommst Du sie nicht.

Wie ist es dir gelungen, diese „Niederlage“ zu überwinden?

Meine Frau hat geweint und zu mir gesagt: „Du musst weiter machen. Du kennst das doch!“ Das tat ich schließlich auch – wie ich es immer in schwierigen Situationen getan habe. Nach dem Vorfall habe ich weiter trainiert. Ich habe noch härter trainiert und wollte es allen zeigen. Ich habe mir gesagt: „Du musst da jetzt drüberstehen!“ Dann riefen die Fans im nächsten Spiel gegen Düsseldorf meinen Namen. Das baute mich richtig auf. Eine riesige Motivation. In den Folgespielen zeigte ich dann eine hervorragende Leistung.

Neid war also ein treuer Begleiter während Deiner gesamten Profikarriere. Wie bist Du damit umgegangen?

Ach ja, Neid war immer da. Es gab Situationen nach dem Spiel, da saß ich daheim, während die anderen Spieler eine Versammlung ohne mich abhielten und hinter meinem Rücken über mich sprachen. Das erfuhr ich dann zwei Wochen später. In solchen Situationen habe ich immer positiv gedacht und mich über meine wundervolle Familie – meine persönliche Nummer 1 – gefreut. Das hat mir die nötige Stärke und Kraft gegeben.

Viele Kritiker oder Neider von damals fragen mich heute, ob ich ihren Söhnen mal zeigen könnte, wie man bei Ecken steht oder wie man so hoch fliegen kann. Das macht mich einerseits stolz, aber gleichzeitig auch ein wenig nachdenklich. Wenn Menschen neidisch sind, dann ist das einfach schade. Ich hatte nie schlechte Gedanken über andere. Im Gegenteil, ich kann mich mit anderen über ihre Erfolge freuen.

 

Deine Familie hat in dieser Zeit eine große Bedeutung für Dich gehabt?

Eine sehr große! Die Familie war und ist für mich das Allerwichtigste – meine persönliche Nummer 1 und gleichzeitig mein Halt. Meine Karriere habe ich meiner Familie und meiner Frau zu verdanken. Und alles was ich getan habe, habe ich für meine Familie getan. Heute hole ich z. B. meine Enkel aus der Schule ab, wenn sie sich plötzlich nicht wohl fühlen.

Auf all das zurückblickend, wie würdest Du Dein Erfolgsrezept zusammenfassen?

Die Zutaten sind eindeutig meine inneren Überzeugungen, die ich gerne mit Euch teile:

„Weiter machen, immer weiter machen.“

„Schaue stets nach oben, es gibt keinen anderen Weg.“

„Gib immer Dein Bestes und hoffe, dass es gesehen wird.“

„Verlass Dich nicht auf andere. Wenn Du etwas erreichen willst, musst Du es selbst machen. Niemand kann Deinen Weg für Dich gehen.“ – Als Torhüter ist man hier besonders allein. Jeder Fehler fällt auf und die anderen können wenig auffangen.

„Du musst nicht tun, was andere können. Du musst tun, was andere nicht können!“

„Akzeptiere Kritik, wenn sie gerechtfertigt ist.“

„Gib Dich nicht zu schnell zufrieden. Sei erst am Ende Deiner Karriere zufrieden.“

Und denjenigen Menschen, die eher die Schattenseite der Medaille sehen, rate ich:

„Denk an das Positive! Mache Deinen eigenen Weg und sei kreativ!“

Abschließend eine letzte Frage: Was sind Deine Visionen und Wünsche für die Zukunft?

Nächstes Jahr möchte ich meine Biographie herausbringen. Da werde ich die Wahrheit darüber erzählen, wie wir gelebt haben und darüber, dass man nichts geschenkt bekommt. Und ich werde noch zahlreiche Vorträge über das Thema „Nr. 1 werden und Nr. 1 bleiben“ halten. Vor allem aber wünsche ich mir, glücklich und gesund zu bleiben und viel Zeit mit meinen Kindern und Enkelkindern zu verbringen – ganz besonders in Corona-Zeiten und der für viele Menschen damit verbundenen Einsamkeit. Ich wünsche mir, dass Bindungen in diesen Zeiten stärker und besser werden. Dieses Maß an Entschleunigung und Isolation gibt uns die Möglichkeit, über vieles nachzudenken und uns wieder bewusst zu machen, was tatsächlich zählt im Leben. Oder anders gesagt – wir bekommen die Chance, uns wieder auf unsere ganz persönliche Nummer 1 zu fokussieren.

Jean-Marie, es ist Dir gelungen, ein außergewöhnlich hohes Durchhaltevermögen zu entwickeln und damit Deinen Traum zu verwirklichen. Einige Deiner Erfolgszutaten nutzen wir auch im systemischen Coaching – sei es die Fokussierung auf die Vision, das Ziel, das Positive, die Ressourcen und die Lösung, das selbstwirksame Denken und Handeln oder verschiedene Perspektivwechsel, deren Reflexion und Akzeptanz.

Vielen Dank für diese wertvollen Einblicke.

Kurzprofil Jean-Marie Pfaff

Jean-Marie Pfaff, geb. 1953 zählt seit den 80er Jahren zu den weltweit erfolgreichsten und bekanntesten Torhütern. Pelé wählte ihn zu den besten Fußballern der Welt (FIFA 100). Er wurde 1987 zum ersten Welt-Torhüter gewählt, war zweimal bester Torhüter Europas und spielte 61 Länderspiele für Belgien. Bei zwei Europa- und zwei FIFA-Fußball-Weltmeisterschaften wurde er 1980 Vize-Europameister und Vierter der FIFA WM 1986 in Mexico. Dabei spielte er gegen die Großen des Weltfußballs wie Maradona, Beckenbauer und Platini. Als Nr. 1 beim FC Bayern München gewann der „Belgische Bayer“ zwischen 1982 und 1988 drei Mal in Folge die Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga, je zwei Mal den DFB-Pokal und den Supercup. 1987 spielte er im Finale der UEFA Champions League. Für Oliver Kahn und eine ganze Generation war er „das Vorbild“. Noch heute ist „El Sympático“ bei den Fußballfans, der Öffentlichkeit und den Medien in Bayern sowie in ganz Deutschland beliebt und anerkannt, ebenso in den BeNeLux-Ländern und weltweit.

Unser besonderer Dank gilt auch Herrn David Krahnenfeld, Direktor bei Ampega Investment GmbH, der dieses Interview ermöglicht hat.

Zoom Interview am 04. Mai 2020

Köln, 30.05.2020
Claudia & Dirk Hamm – Personal und Business Coaches, Coachinwerk Köln

Kontakt:
claudia.hamm@coachingwerk-koeln.de
dirk.hamm@coachingwerk-koeln.de